Schreibbegleitung, 2010

Klaus Luthardt wurde 1949 in Sonneberg/Thüringen geboren. Sechzehnjährig wollte er mit zwei gleichaltrigen Freunden nach Westdeutschland, um seine Idole, die Beatles, live im Konzert zu erleben. Sie wurden verhaftet und man versuchte sie ein Jahr lang im Jugendstrafvollzug Ichterhausen „umzuerziehen“.

 

1984 verurteilte und inhaftierte man ihn erneut für ein Jahr, weil er seinem Ausreiseantrag mit systemkritischen Briefen an die Regierung Nachdruck verliehen hatte. Nach 11 Monaten Vollzug wurde er von der Bundesrepublik „freigekauft“. Seine Frau und seine beiden Kinder konnten vier Monate später nachkommen.
Klaus Luthardt lebt heute mit seiner Familie in Euerdorf in Unterfranken.

Jetzt hat er begonnen, seine Erlebnisse und Erfahrungen aufzuschreiben, um sie vor dem Vergessen zu bewahren: Wir wollten zu den Beatles, heißt sein Buch, in dem er zunächst den Fluchtversuch und seine Inhaftierung im Jugendstrafvollzug Ichterhausen bis zur Entlassung 1966 beschreibt.

Mich fasziniert an dem Text die beinahe fotografische Genauigkeit, mit der Klaus Luthardt seine Erlebnisse beschreibt, sein detailliertes Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen, mit der er die Atmosphäre nach so langer Zeit wieder heraufbeschwört. Man spürt, wie hier ein Jugendlicher, fast noch ein Kind, auf sich allein zurückgeworfen ist – teilweise in Einzelhaft -, wie er einer Situation ausgeliefert ist, in der er nicht weiß, was im nächsten Augenblick passiert, denn einen Anwalt gab es nicht. Das schärfte offenbar seine Beobachtungsgabe. Mit beinahe kindlichem Staunen nimmt er wahr, was um ihn herum geschieht, bewertet es kaum, lässt die Dinge für sich sprechen. Das macht die Erzählung so glaubwürdig.

Was mich erschreckt, ist die Gewalt unter den Jugendlichen, die offenbar von den Vollzugsbehörden zur Disziplinierung und Willensbrechung geduldet wurde.
Luthardt erzählt aber auch von der Solidarität, von der Freude und Phantasie, ihre Bewacher auszutricksen.

Was mich persönlich außerdem berührt, ist die Sprache der Mächtigen, diese ganz spezielle Mischung aus pädagogischem Eifer, Ideologie, Banalität und Zynismus. Das weckt in mir Erinnerungen aus Verhören bei der Abteilung Inneres in meiner eigenen Ausreisesituation 1987 aus der DDR.

Sehr sympathisch ist mir die Haltung, mit der Klaus Luthard seine Geschichte erzählt. Er verfällt weder in Selbstmitleid, noch in eine Heldenpose. Uneitel, ehrlich und unprätentiös erzählt er, was ihm widerfahren ist.
Dabei zeigt seine Geschichte einiges an Heldenmut, vor allem auch in der Fortsetzung, die noch aufgeschrieben werden muss. Die „Umerziehung“ in der Jugendvollzuganstalt hat offenbar nicht gefruchtet, denn Luthardt widersetzt sich weiter der staatlichen Zurichtung, stellt nicht nur einen Ausreiseantrag, sondern protestiert gegen die demütigenden Behandlung von Ausreisewilligen, wohl wissend, wohin ihn das erneut bringen kann.

Dieses Buch wurde von Dr. Margit Inka Postrach zur Lesung auf den 2. Nordwalder Biographietagen im September 2009 vorgestellt.

Medienberichte:

Aus Freies Wort (Onlinezeitung), Beitrag vom 2.9.2010: Statt Pilzköpfe Knastmauern von innen

Aus Freies Wort (Onlinezeitung), Beitrag vom 7.10.2010: Statt Beatleskonzert Knasthölle

MDR, Fernsehbeitrag Nr.6 vom 20.4.2011: Fluchtgeschichten aus Thüringen