Schreibbegleitung, 2012

Fragen der Enkelin sind Anlass für Frau Kruse, ihre Familiengeschichte zu erzählen. Im Mittelpunkt steht die Nachkriegskindheit mit sieben Geschwistern in einer Barackensiedlung in Greven, im katholischen Münsterland. Die Wohnverhältnisse, der Alltag, die Rituale und Erziehungspraktiken erscheinen sicher nicht nur der Enkelin exotisch.

Ältere Zeitgenossen werden ihre eigene Kindheit in diesen atmosphärisch detaillierten Schilderungen wieder finden. Lebendig werden sie auch durch beschriebene Spiele, Lieder, Gedichte und Gebete. Erzählt wird eine Lebensgeschichte, die in Vielem exemplarisch ist für die Generation der Nachkriegskinder, der so genannten „vergessenen Generation“ (Sabine Bode), die sich jetzt erst zu Wort meldet.

Obwohl die Autorin als äußerst sensibles Kind unter den nächtlichen Streitigkeiten der Eltern gelitten hat, die sie zu befrieden suchte, und sich manchmal auch der Armut schämte, erzählt sie ohne Mitleid erregen zu wollen, ohne Verbitterung und Verurteilung.

Nicht anklagen sondern verstehen wollen, ist ihr eigentliches Schreibmotiv. Dabei gerät sie immer tiefer in die Tabuthemen und Geheimnisse einer Zeit, in der vorwiegend geschwiegen wurde, nicht nur über Krieg und Sexualität. Sie deckt die Geschichte der zwei „verschwiegenen“ Großväter auf, die in der Heilanstalt Marsberg auf ungeklärte Weise ums Leben kamen. Hierfür recherchiert sie in Archiven und interviewt Zeitgenossen. So holt sie diese Vorfahren aus dem Vergessen und erinnert zugleich an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte im Umgang mit Krankheit und Behinderung?

Sie versucht zu erklären, warum die Kinder nicht zu fragen wagten, nimmt das Wort „undenkbar“ ganz wörtlich und zeigt, wie Kinder in eine Kultur hineinwachsen, die ihnen selbstverständlich erscheint. Humor und Tragik liegen dabei oft eng beieinander, vor allem dann, wenn sich die Kinder aus dem Schweigen ihre Welt selbst erklären.

Deshalb sind ihr die Fragen der Enkelin so wichtig und sie erklärt ihr die Zeitgeschichte, auch große Politik am Beispiel der Alltags - und Familiengeschichte. Geschichte wird in persönlichen Geschichten anschaulich. Durchaus bleiben dabei Fragen offen, auch Erwachsenen sind nicht allwissend.

Wie sich Erziehung in 60 Jahren verändert hat, ist anschaulich erzählt, was es zum Beispiel bedeutete, „im falschen Bett geboren“ und damit von Bildung ausgeschlossen zu sein; zumal wenn man ein Mädchen ist und die Kinder einer echten Baronin als Hausmädchen auf deren glänzende Zukunft vorbereiten darf. Da hat sich Frau Kruse geschworen, viele Kinder zu bekommen, die alle studieren dürfen. Klingt wie ein Märchen, ist aber keins. Die vier Kinder der Autorin haben diesen Traum verwirklicht, sind alle studiert, teilweise promoviert. Zwei weitere Pflegekinder konnten mit einer guten Berufsausbildung ins Leben starten.

Man kann in diesem Buch auch lernen, wie man sich behauptet, wie man auch ohne „ordentliches“ Diplom und mit sechs Kindern seine Berufsträume verwirklicht und ein erfolgreiches Familienunternehmen aufbaut.

Nicht zuletzt erhält man Anregungen, wie man humorvoll und einfallsreich mit dem Thema Älterwerden umgeht - wie wohnen, wie sich engagieren, wie mit den Kindern und Enkeln im Dialog bleiben?

Die Autorin erzählt lebendig und anschaulich, wodurch beim Leser Bilder und Erinnerungen wach werden. Die Form des Dialoges mit der Enkelin wirkt unmittelbar und schafft Nähe. Die Autorin hat in Lesungen diese belebende Wirkung auf das Publikum erfolgreich getestet.

Sie erzählt nicht in bloß naiver autobiographischer Weise von ihren Erinnerungen, sie nutzt auch literarische Formen. Die Lebensgeschichte eines Vorfahren wird als Märchen der „Bremer Stadtmusikanten“ dargestellt, zugleich Metapher für das Schicksal der ausgedienten Knechte. Fortgeführt wird das Motiv der Bremer Stadtmusikanten in der Diskussion um das Älterwerden in unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Fiktives und Fakten werden poetisch gemischt und auch die Erzählperspektive variiert. Dass die Autorin als Kind für ihre jüngeren Geschwistern Geschichten erfinden musste und sich oft in eine bessere Welt hineinträumte, zeigt sich in ihrer Fabulierfreude. Auch Recherchen und Dokumentation sowie ein Reiseschilderung auf dem Jakobsweg werden eingefügt.

Nicht zuletzt sind die beschriebenen Kinderspiele, Lieder und Rituale kultur -und regionalgeschichtlich interessant.